Der Zweitspracherwerb kann Lernern insbesondere dann Schwierigkeiten bereiten, wenn sich Muttersprache und Fremdsprache in ihren grammatischen Eigenschaften unterscheiden. In diesem Seminar werden wir Methoden aus der Psycholinguistik verwenden, um in eigenen Experimenten zu untersuchen, ob und wie Fremdsprachlerner diese Schwierigkeiten meistern. Wir werden dazu die Interpretation von Possessivpronomina im Deutschen und im Norwegischen miteinander vergleichen und untersuchen, wie deutschsprachige Norwegischlerner das in wesentlichen Aspekten andersartige System der skandinavischen Sprachen - die ansonsten mit dem Deutschen eng verwandt sind - erlernen. Worin die Unterschiede bestehen, lässt sich an komplexen Sätzen wie "während Peter auf seinen Hund aufpasste, spielte Holger Fußball" veranschaulichen. Im Deutschen kann "sein Hund" so interpretiert werden, dass es es sich um Peters Hund handelt, "sein" also eine lokale Interpretation im Nebensatz erhält. Es ist aber auch möglich, dass von Holgers Hund die Rede ist, "sein" also im übergeordneten Satz interpretiert wird. In den skandinavischen Sprachen ist das anders: hier gibt es zwei Formen von Possessivpronomina: "sin", das sich nur auf das Satzsubjekt des lokalen Satzes beziehen kann (=> Peter) und eine andere Possessivform "hans/hennes", die nicht lokal interpretiert werden kann und sich somit auf den Referenten des Matrixsatzes bezieht (=> Holger). Die Frage, die uns nun interessiert ist, wie deutschsprachige Norwegischlerner das in diesem Aspekt restringiertere System des Norwegischen erwerben und was für grammatische Generalisierungen sie hierbei machen. 

Im Seminar wird in experimentelle Methoden eingeführt, die es uns erlauben, die Interpretationen von norwegischen Possessivpronomina bei norwegischen Muttersprachlern mit denen von deutschsprachigen Norwegischlernern vor dem Hintergrund des deutschen Systems zu vergleichen. Die Interpretations-Daten wollen wir mit parallel erhobenen Eyetracking-Daten vergleichen, die uns einen Aufschluss darüber geben sollen, wie der Sprachverstehensprozess bei Muttersprachlern und Sprachlernern abläuft. Die unseren Experimenten zugrunde liegende psycholinguistische Fragestellung ist, ob das muttersprachliche Sprachsystem einen Einfluss auf Sprachverstehensprozesse in der Fremdsprache hat. Über das Seminar hinaus gehend erhalten die Teilnehmer anhand des ausgewählten Phänomenbereichs eine methodische Einführung in die Planung, Durchführung, Auswertung und dem Berichten psycholinguistischer Experimente zum Zweitspracherwerb. Das Seminar findet in Kooperation mit Forschern der Universität Oslo und des Zentrum für allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin statt und ist Teil einer derzeit laufenden Forschungskooperation. Die Seminarteilnehmer erhalten somit die Möglichkeit sich aktiv an aktueller Forschung zu beteiligen.

Die Studierenden meiner Veranstaltung sollen hier auf Lernmaterialien zugreifen können.